30. Frankfurter Treffen am 17. Oktober 2008

30 Jahre Frankfurter Treffen

Eines der traditionsreichsten sogenannten SIG Treffen, das Frankfurter Treffen, feierte heuer ein denkwürdiges Jubiläum: Es begann vor 30 Jahren mit der 12-Bit SIG (PDP-8, PDP-12), dann wurde die Real-Time SIG (basierend ursprünglich auf der PDP-11 mit RT-11) gegründet und später zusammengelegt – praktisch eine kontinuierliche Geschichte seit der prozess-computerischen „Steinzeit“!

20 Fans, meist aus der alten Gemeinde, aber auch mit ein paar jüngeren Zugängen, versammelten sich unter Leitung von Wolfgang Leber am Max-Planck-Institut für Gehirnforschung in Frankfurt, welches an diesem Standort ebenfalls bald der Vergangenheit angehören wird.

Gemeinsam begrüßten Connect Deutschland und HP die Teilnehmer, Herr Vettel (HP) startete das Vortragsprogramm mit dem Thema „UCC – Unified Communication and Collaboration“. Nach alter Tradition, folgten Vorträge aus der User- und OEM Gemeinschaft. So brachte Herr Tiegges von PDV-Systeme (als Firma auch ein alter Bekannter) „Storage for runaways“.

Nach der Kaffeepause folgte ein Block zum Thema „Netzwerke“: Herr Gärtner von der Fraunhofer Gesellschaft, erläuterte die Probleme und Lösungen bei Netzwerkszugangsschutz (nach IEEE 802.1x) – und die Netzwerksinfrastruktur der FhG ist ja durchaus sehenswert!

Es folgten zwei Vorträge zu „Wireless“. Der Aspekt der RT-SIG kam insbesondere bei Herrn Uhlenberg zum Tragen, der Sensornetzwerke (auch in sicherheitskritischen Anwendungen, z.B. Frage „NOTAUS über Funk – geht das?“) in der gesamten Anwendungsbreite und Bandbreite überblicksmäßig abdeckte, Motto „Die Luft ist das dickste Kabel“. Der zweite Vortrag, gehalten von Herrn Förster, brachte ein interessantes Beispiel aus der Praxis, ein adäquate Lösung mit einfachen Mitteln, über eine WLAN On-line Kommissionierung einer RT-Lagerverwaltung (Linux/JAVA Client mit OpenVMS-RdB Server), als preisgünstiger Ersatz für ein aufwendiges Hochregallager in einer Waggonfabrik (ALSTOM-LHB).

Nach einem kurzen Imbiss, der weiteren Diskussionen Raum gab, folgte ein ebenso abwechslungsreicher Nachmittag dem Vormittag: Herr Spilling von EQICON beschrieb die Technologieentwicklung (fast hätte ich geschrieben „Ideologie“) von CISC über RISC zu EPIC („explicitly parallel instruction computing“), die sich aus der Entwicklung der HW-bedingten Computerarchitektur ableiten lässt: Von der fest verdrahteten Maschine mit dem Bus als Engpass und daher starkem Rechenwerk (CISC, z.B. VAX, Code relativ kurz in Codezeilen gemessen) zu RISC (hier ist der Bus kein Flaschenhals mehr, d.h. mehr Befehle, weniger Adressierungsmodi, mehr Codezeilen), bis zu EPIC mit VLIW („very long instruction words“), es gibt keine triviale Zuordnung mehr zwischen C-Codezeilen und Maschinencode (Compilerleistung!). Mit Multicore-CPUs geht die Evolution weiter…kann da die Software noch mithalten?

Ein sehr origineller Praxisvortrag aus einem ungewöhnlichen Anwendungsgebiet, nämlich über eine anspruchsvolle seismometrische Applikation mit Messdatenerfassung, Verarbeitung und Darstellung unter OpenVMS, mit interessanten Einblicken in die Physik und Praxis der Seismographie mit Magnetometern und der Problematik der Messtechnik und Störungen durch unser technisches Umfeld wurde von Herrn Ulmann geboten (wobei dies nicht sein Brotberuf ist!). Als Zusatzgag zeigte Herr Ulmann Fotos seiner privaten VAX-Sammlung (15 CI-Knoten in 5 Reihen) – jedenfalls braucht er bei Betrieb kein Gas mehr zum Heizen des Hauses!

Herr Kruspe lieferte zum Real-Time Workshop mit Erfahrungsberichten Impulsstatements zu VoIP und Sipgate (mit Erfahrungsdiskussion zum Verhalten der Provider gegenüber Anwendern wie Time-outs, Sperre von bestimmten Protokollen, Delays, Security, usw.) sowie zu TomTom und HP6515/6915 (Probleme mit Updates, Wartung).

Der würdige Abschluss des Treffens war der Rückblick auf 30 Jahre Frankfurter Treffen durch Wolfgang Leber – mit nostalgischen Erinnerungen, Bildern und Geräten, von denen noch einige existieren (z.B. die am Institut gebaute PDP-8 mit dem Harris 6120 Chip, mit etlichen Erweiterungen, z.B. Sprachausgabe…). Dazu Kommentare und kurze Beiträge vor allem der „längerdienenden“ Teilnehmer. Eine Besonderheit war auch die Vorführung einer frei erhältlichen Simulation historischer Rechner am PC (SIMH), z.B. einer PDP 10, es gibt auch PDP-8 und PDP-11 sowie den simulierten Q-Bus über Ethernet usw. Einige klassische Anwendungen existieren weltweit gesehen noch heute – Herr Krings, ein alte Bekannter aus den Frankfurter Treffen, betreibt ebenfalls noch Software, die für die PDP-8 entwickelt wurde, in der wirtschaftlichen Anwendung, halt am Emulator.

Eine Gruppe von Teilnehmern besichtigte in den historischen Räumen im Untergeschoß zum Abschluss noch die PDP-12, welche noch immer funktionsfähig ist! Spät abends klang dann in einer nahegelegenen Pizzeria der Tag noch aus – das historische Lokal „Wienerwald“ an der Rennbahn, in dem sich lange die 12-Bit SIG noch getroffen hatte, hat nicht überlebt – das Frankfurter Treffen schon !!!! Möge es noch lange leben!!!

 

Erwin Schoitsch (ein Teilnehmer der ersten Stunde)